Er wäre der glücklichste Mensch der Welt. Wären da nicht die 2,8 k Tasks gewesen, die im Wege standen, Tag für Tag. Doch, er mag seine tägliche Todoliste von Tätigkeiten in Form einer kontinuierlichen Checkliste (keine Tabelle), die er täglich von Gestern nach Heute kopiert, Dinge, die es ZU TUN gälte. Er hat kein Problem damit, dass die Liste immer länger, immer ausführlicher, detaillierter wird. Er hat auch Erfolge zu verbuchen in Form von Häkchen in Kontrollkästchen. “Letzte Mahnung” steht auf einem frisch geöffneten Brief, den er gerade begonnen hat zu lesen. Schnell schläft er ein und träumt.
Als er aufwacht, kann er sich weder an den Traum, noch an den Inhalt dieser letzten Mahnung erinnern.
In der Zwischenzeit wird seine Frau gefoltert, ihre Peiniger zeigen ihm Bilder von ihrer Entführung, Folterung und Tod. Ohne eine Emotion zu zeigen, schwört er Rache und stürzt sich vom Dach des Hochhauses, auf dem er gerade die schrecklichen Bilder vom Tod seiner Frau, übermittelt bekommen hat und fliegt mit einem kräftigen Ruck dem Horizont entgegen. Er würde die Verantwortlichen finden und zur Verantwortung ziehen (genauer gesagt ein Blutbad anrichten). In diesem Moment ist er zwar froh, dass er fliegen kann, dummerweise weiss er nicht genau wohin er fliegen soll. Als er dann doch aufwacht, bemerkt er beruhigt, gar keine Frau mehr um sich zu haben, um die er sich Sorgen machen müsste, dass sie entführt und gefoltert werden könnte und ist irgendwie beruhigt. Er muss schmunzeln bei dem Gedanken darüber, glücklich zu sein (bedarf es wenig) Single zu sein, weil er deswegen keine Angst vor Entführungen haben muss. Es war immer sein schlimmster Albtraum, die Frau, die er liebte, verlieren zu müssen. Mit aller Kraft versuchte er diese Angst zu bezwingen, bis er sie verlor. Gut, sie fiel nicht einfach aus der Tasche, aber er verlor ihr Interesse, ihre Aufmerksamkeit, ihre Sehnsucht nach ihm.
Und so erinnert er sich nun auch an den ersten Teil des Traums. Es gilt immer rückwärts zu denken, den neuronalen Verbindungen im Gehirn nachspüren, bis Zelle für Zelle angeregt durch einen elektrischen Impuls ihre Chemikalien ausschütten und als sichtbare Gedanken im Bewusstsein verbrennen. Wenn er die Augen schliesst, kann er das Aufplatzen der Gehirnzellen spüren, den Schmerz, den jede einzelne Zelle hinterlässt, der die Lust folgt, zu denken. Morgens verspürt er die grösste Lust sein Gehirn zu erforschen.
Er machte eine Performance mit Soren, der ihn in einem engen Gang verfolgt, mit lautem Geschrei das ihn an die Gesönge indigener Völker erinnert (er hat nie indigene Stämme besucht), während er ein Betttuch schüttelt. Beide sind nackt. Als seine ex-Frau hinzu kommt, fragt er sich: “Was macht sie hier, sie zerstört noch die ganze Sinnlichkeit der Szene.“ Dann setzt er sich auf den Schoss von Sören und spürt seinen Schwanz, wie er zwischen den Schenkeln pulsiert. Er steht peinlich berührt auf, ergreift ein Wandtelefon, wählt eine fiktive Nummer und wird mit der autonomen Taxizentrale verbunden, als seine Chefinnen in Abendkleidung erscheinen. “Verdammt, ich habe das Weihnachtsessen gestern Abend vergessen.”
Die digitale Stimme der autonomen Taxizentrale ist genervt: “Wohin wollen sie?”
Er denkt, autonome Roboter können gar nicht genervt sein. Ihre unendlich verfügbare Geduld ist ja gerade ihre Stärke, (solange die Abos bezahlt sind).
Es erscheint durchaus sich mit der Maschinenintelligenz zu beschäftigen, weil sie ja auch zeigt, wie man auf keinen Fall selber werden will. Es tut gut, sich von den Anderen, den Wilden, den Tieren und Pflanzen, den Barbaren und den Zartesten abzugrenzen. “Nein, so will ich nicht werden. So war ich schon.” Hingegen ist es problematisch, wenn man die fremden Völker versklavt, bezahlt oder vernichtet, was historisch gesehen, meistens unweigerlich der Fall war, in der Konfrontation mit fremden Erscheinungsformen von Leben. Maschinen dagegen sind endlich harmlos, man könnte mit ihnen machen was man wollte, es sind Werkzeuge. Stattdessen machen Menschen sie zu Monstern durch ihre Abhängigkeit, ihr Vertrauen, ihre ganze Seele, die sie hinein legen wollen in eine Offenbarung, die uns weiterbringen soll, unsere Gehirne entwickeln will um unsere Körper balancieren zu lassen.
Nun, gräbt er doch tiefer in seiner Gehirnmuskulatur (fast schon mit wissenschaftlicher Freude) und stösst auf eine wilde Verfolgung mit relativ kleinen Lebewesen, den Zartesten, es könnten seine Schüler sein, die mit bunten Bällen auf ihn schiessen. Einzelne von ihnen sind lächerlich ungefährlich, aber in der Masse erheben sie sich zu einer unkontrollierbaren Macht, vor der man sich vorsehen muss. Es stellt sich heraus, dass es dieselben fragilen Wesen sind, die seine Frau umgebracht haben. Er bekämpft sie mit allen verfügbaren Mitteln und tötet einen von Ihnen. Alles Weitere was folgt, ist die überbordende Rache der Kleinen und Zarten. Er weiss nicht, wie er sie sonst nennen soll, er will nicht noch mehr von ihnen töten und flüchtet. Ganz schön viel Rache an einem so kalten Morgen.
Er findet die letzte Mahnung wieder, sie ist unter das Bett geflattert, wo sie sich zu den anderen ungetätigten Checkboxen gesellt hat. Er greift blind unter das Bett und hält eine Handvoll Todos in den Händen, die allerdings sehr real aussehen.
Etiketten designen und drucken, twint Codes erstellen und Drucken, Video schneiden und bereitstellen, WordPress installieren, mockup gestalten, dj kontaktieren, Dauerauftrag ändern, balancieren, kochen, Dankbarkeit üben, an einem der Bücher weiterschreiben, rede vorbereiten, Auktion vorbereiten, social Media Werbung fortsetzen, Newsletter verschicken, …
Was könnte er der Rache für ein Gefühl entgegenstellen? Er löst seine Todos ja nicht mit Rache und Flucht. Letztlich bliebe nur die Freude an den Dingen, die neu einzuordnen wären.
In Gedanken will er dennoch den neuen Liebhaber seiner Ex immer noch sauber KO schlagen, bei dem Gedanken streichelt er seine Boxerhandschuhe, zieht sie sich über und führt einige Schläge gegen den Boxsack aus. Er ist nicht wütend. Es ist eine Herausforderung der präzisen Schläge, auf die Bewegungen des Gegners zu reagieren, Körperspannung aufrecht erhalten, Fussarbeit nicht vergessen, die Deckung niemals aufgeben, Balance und alles gleichzeitig. Aber auch keine Angst vor jemand haben zu müssen, dessen Augenpaare hinter der Nase direkt mit dem Gehirn verbunden sind, das es zu treffen gilt. So lernte er seine Gedanken zu beschützen, dabei müsste er lernen seine Gedanken zu offenbaren, aber im Kampf bleibt keine Zeit zu denken und die innere Stimme wird zu einem Gefühl. Es ist wie beim Malen und beim Balancieren. Man denkt nicht mehr. Es ist der Moment der zählt.
Letzte Mahnung zur letzten Lockerung steht auf dem Aufruf, endlich seine Schulden zu bezahlen. Was wollen die eigentlich? Ein lächerlicher Betrag für ein Service, den er nie erhalten hat. Nein, er lässt sich nicht gerne verarschen. Schon gar nicht von einer Firma dessen Sitz sich in einem Zuger Müll Container befindet. “Ignorieren!”
Und dann wäre da noch eine ganz neue Rechnung der Eisenbahngesellschaft, ausgestellt von einer rachsüchtigen Zugbegleiterin, die er mit einem einzigen Witz zur Weißglut brachte. Aber Eisenbahngesellschaften sind ähnlich unfassbare Gegner wie Schulklassen, Telekommunikationsunternehmen und Datingplattformen. Man kann den Kampf gegen sie nur mit Paragrafen gewinnen. “Mist”, er hat das Ticket von damals natürlich längst nicht mehr und denkt an die Genugtuung der Zugbegleiterin, als sie die Busse weitergereicht hat.
Es ist die letzte Lockerung. Der Akkustand beträgt 5%, die nächste Siedlung befindet sich voraussichtlich 50 Kilometer südöstlich von seinem aktuellen Standort entfernt. Er ist zu Fuss unterwegs. Das Feuer hat er ausgemacht. Er macht sich wieder auf den Weg durch den Schnee, den Nebel. Er ist auf sich alleine gestellt. Die letzte Lockerung auf dem Weg zurück zur Normalität und trotz strukturierten Plans in der Tasche, ist er nervös und muss seine Aufzeichnungen jetzt beenden, weil er die restlichen 4% für einen Notfall bräuchte oder um sich die Hände zu wärmen, wenn er später noch in das Eiswasser fiele.
“Guten Morgen!” denkt er und weiss nicht ganz genau, wo die Begrüssung landen wird. Er wählt eine nicht ganz beliebige Person aus und schickt ihr seine Morgenbetrachtungen mit den Worten “Hallo Überfall!” und weiss selbst nicht ganz genau, was er damit bezweckt.
